Schulaufgabe am 8. Dezember 2004
Bearbeiten Sie eines der folgenden Themen in Form einer literarischen Erörterung! Halten Sie sich dabei an die in der Schule geübte und besprochene Form! Die Arbeitszeit beträgt 150 Minuten (von 08:35 bis 11:05 Uhr). Viel Erfolg!
1. Das Schachspiel als Sinnbild der Situation Saladins (2. Aufzug, 1. Auftritt, S. 28-31 HLV)
2. Liebt er oder liebt er nicht? Stellen Sie den inneren Kampf des Tempelherrn dar! (3. Aufzug, 8. Auftritt, S. 70f. HLV)
3.
Kirchenkritische Elemente in Lessings Nathan (4. Aufzug, 2. Auftritt,
S. 81-85 HLV)
Ersatzthemen für eine nachgeschriebene
Schulaufgabe:
4. Der Tempelherr zwischen Ignoranz und Toleranz (2. Aufzug, 5. Auftritt, S. 41-44 HLV)
5. Dajas Geheimniskrämerei – Kuhhandel oder Befreiung für den Tempelherrn? (3. Aufzug, 10. Auftritt, S. 73-78 HLV)
6.
Stellen Sie den inneren Kampf des Tempelherrn im 5. Aufzug, 3.
Auftritt (S. 105-107 HLV) dar!
Welche ist die wahre Religion? Gehen Sie dieser Frage mithilfe der Ringparabel in Lessings Nathan der Weise (HLV, S. 64-68) nach!
(Literarische Erörterung)
Gliederung
A. Konfliktherd Naher Osten
B. Die Ringparabel als möglicher Lösungsweg
1. Eine uralte Überlieferung
2. Kennzeichen der wahren Religion
3. Saladin, der mächtige Herrscher in Jerusalem
4. Der weise Nathan
C. Die aufklärerische Absicht Lessings
Ausführung
[Inhaltsangabe]
In Vers 1962-64 sagt Nathan: „der rechte Ring war nicht / Erweislich; [...] Fast so unerweislich, als / Uns itzt – der rechte Glaube.“ Damit vergleicht er direkt die drei Ringe mit den drei Weltreligionen, in Saladins Machtbereich aufeinander treffen, nämlich Christentum, Judentum und Islam. Im weiteren Gespräch verrät er, „der Ring / Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen; / Vor Gott und Menschen angenehm.“ Dieses Merkmal müsste demnach auch die wahre Religion besitzen. Wie der Richter in Nathans Parabel, so müssten Saladin und wir die wahre Religion daran erkennen, dass ihre Anhänger beliebt sind und vor Gott und Menschen angenehm. Bezieht man diese Eigenschaft auf die drei genannten Religionen, so kommen wir zu einem beschämenden Ergebnis. Das Judentum leidet seit Jahrtausenden unter Verfolgungen und kann keineswegs den Anspruch erheben, beliebt zu machen. Die Christen sind kaum besser dran. Kreuzzüge und Pogrome bis hin zum Holocaust des Dritten Reiches lassen es fraglich erscheinen, ob die Christen immer zum Wohle Gottes gehandelt haben. Die Muslime schließlich haben gerade in der heutigen Zeit mit dem Vorwurf des Radikalismus zu kämpfen, gilt der fundamentalistische Islam doch als Brutstätte des internationalen Terrorismus, der den Islam ebenfalls eher unbeliebt erscheinen lässt. Die Erzählung scheint also nicht ein allgemein gültiges Rezept zu enthalten, nach dem man die wahre Religion unfehlbar erkennen kann. In diesem Falle müsste sich schließlich seit Erscheinen des Dramas eine der drei Religionen gegenüber den anderen eindeutig durchgesetzt haben. Da dies aber nicht der Fall ist, muss die Lösung noch gesucht werden.[Saladin, der mächtige Herrscher in Jerusalem]
[Der weise Nathan]
Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22.1.1729 in Kamenz in der Oberlausitz als Sohn eines Pastors geboren. Er studierte danach Medizin und Theologie. Nach Anstellungen in Berlin. Leipzig und Breslau erhielt er 1767 eine Anstellung als Dramaturg und Kritiker am Deutschen Nationaltheater in Hamburg. Am 15.2.1781 starb er in Braunschweig. Lessing gilt als ein bedeutender Vertreter der Aufklärung in Deutschland, dem es gelungen ist, seine Ideen und Gedanken in seinen Werken einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Sein Ideendrama Nathan der Weise beschäftigt sich mit dem scheinbar unlösbaren Konflikt der drei großen Offenbarungsreligionen. Er weist uns durch den gelehrten Nathan einen Weg, Andersdenkende zu tolerieren und dadurch blutige Konflikte zu vermeiden. Gerade in der heutigen Zeit, wo Krisenherde in aller Welt immer wieder in blutige Auseinandersetzungen ausarten, wäre ein wenig von Lessings Toleranzgedanken und Nathans Weisheit hilfreich. Denn nur „mit Sanftmut, / Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, / Mit innigster Ergebenheit in Gott“ (V. 2045-47) können wir die Zukunft meistern.