11b, 4. Schulaufgabe aus dem Deutschen am 03.07.2006

Gedichtinterpretation

Aufgabe: 

Interpretieren Sie eines der folgenden Gedichte. Halten Sie sich dabei an die in der Schule bespro­chene und geübte Form der Gedichtinterpretation. Die Arbeitszeit beträgt 150 Minuten (07:50 – 10:20 Uhr).

Viel Erfolg!

Texte:

1. Heinrich Heine: Prolog aus der Harzreise (entstanden 1824)

Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
Weiße, höfliche Manschetten,
Sanfte Reden, Embrassieren1 -
Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

Herzen in der Brust, und Liebe,
Warme Liebe in dem Herzen -
Ach, mich tötet ihr Gesinge
Von erlognen Liebesschmerzen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle!
Glatte Herren, glatte Frauen!
Auf die Berge will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.


Biografie Heinrich Heine: Geboren am 13.12.1797 in Düsseldorf als Sohn des jüdischen Schnittwarenhändlers Samson Heine. 1810-1814 Lyzeum Düsseldorf. 1815 kaufmännischer Lehrling in Frankfurt/Main. 1816 im Bankhaus seines vermögenden Onkels in Hamburg. Mit Unterstützung des Onkels Jurastudium in Bonn. 1820 nach Göttingen, relegiert wegen eines Duellvergehens. 1821-1823 Studium in Berlin. 1831 Reise nach Paris zum endgültigen Aufenthalt. 1835 Verbot seiner Schriften in Deutschland. Heine starb ... in Paris.



2. Günter Eich: Betrachtet die Fingerspitzen (veröffentlicht 1955)

Betrachtet die Fingerspitzen, ob sie sich schon verfärben!

Eines Tages kommt sie wieder, die ausgerottete Pest.
Der Postbote wirft sie als Brief in den rasselnden Kasten,
als eine Zuteilung von Heringen liegt sie dir im Teller,
die Mutter reicht sie dem Kinde als Brust.

Was tun wir, da niemand mehr lebt von denen,
die mit ihr umzugehen wussten?
Wer mit dem Entsetzlichen gut Freund ist,
kann seinen Besuch in Ruhe erwarten.
Wir richten uns immer wieder auf das Glück ein,
aber es sitzt nicht gern auf unsern Sesseln.

Betrachtet die Fingerspitzen! Wenn sie sich schwarz färben,
ist es zu spät.


Biografie Günter Eich: *1. Februar 1907 in Lebus/Oder, +20. Dezember 1972 in Salzburg/Österreich. Stationen u.a.: Studium Jura , Sinologie, Volkswirtschaft in Leipzig, Berlin und Paris. Soldat im 2. Weltkrieg. Seit 1932 freier Schriftsteller in Dresden, Berlin und an der Ostseeküste. Soldat im 2. Weltkrieg. Gefangenschaft. Freundschaft mit Peter Huchel. Verheiratet mit der Schriftstellerin Ilse Aichinger. Der gemeinsame Sohn Clemens Eich ist Schauspieler und Schriftsteller. Arbeitsgebiete: Lyrik, Erzählung, Hörspiel. Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Preis der Gruppe 47 (1950). Georg-Büchner-Preis, Darmstadt (1959). Hörspielpreis der Kriegsblinden. - Mitglied in der Gruppe 47.


3. Peter Rühmkorf: Hochseil (veröffentlicht 1975)

Wir turnen in höchsten Höhen herum,
selbstredend und selbstreimend,
von einem Individuum
aus nichts als Worten träumend.

Was uns bewegt - warum? wozu? -
den Teppich zu verlassen?
Ein nie erforschtes Who-is-who
im Sturzflug zu erfassen.

Wer von so hoch zu Boden blickt,
der sieht nur Verarmtes/Verirrtes.
Ich sage: wer Lyrik schreibt, ist verrückt,
wer sie für wahr nimmt, wird es.

Ich spiel mit meinem Astralleib Klavier,
vierfüßig - vierzigzehig -
Ganz unten am Boden gelten wir
für nicht mehr ganz zurechnungsfähig.

Die Loreley entblößt ihr Haar
am umgekippten Rheine...
Ich schwebe graziös in Lebensgefahr
grad zwischen Freund Hein und Freund Heine.


Biographie Peter Rühmkorf: R. wurde am 25.10.1929 in Dortmund geboren. Er studierte von 1951 bis 1958 Germanistik und Psychologie in Hamburg und schrieb ab 1953 unter Pseudonym für den «studentenkurier» (später «konkret») die Kolumne «Lyrikschlachthof». 1958-63 Verlagslektor, 1964/65 Stipendiat der Villa Massimo in Rom. 1969/70 Gastvorlesungen in den USA, 1985/86 Gastdozent an der Universität Paderborn. Freier Schriftsteller. 1979 Erich-Kästner-Preis, 1980 Bremer Literaturpreis, 1986 Arno Schmidt-Preis, 1987 documenta-Schreiber Kassel. Rühmkorf war korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR und erhielt 1988 den Heinrich-Heine-Preis (DDR).
Christoph Hein: Am 8. April 1944 in Heinzendorf in Schlesien geboren, lebt in Berlin. Ein Dramatiker und Erzähler, der in seinen Werken mit Phantasie und Intelligenz vor allem das Leben in der DDR vergegenwärtigt. In seinen bühnenwirksamen Theaterstücken behandelt er oft auf originelle Weise historische Stoffe, in denen jedoch der aktuelle Bezug stets unverkennbar ist.


Erwartungshorizont

ad 1.:

- Lied mit 5 Strophen á 4 Zeilen, Trochäen, weibliche Kadenzen, jeweils 2. und 4. Vers reimen sich
- Metonymie: Schwarze Röcke usw. stehen für die feine Gesellschaft, die nur aus schöner Fassade besteht, aber kein Herz hat; Verlogenheit, Farblosigkeit, leeres Gesinge (Gerede)
Embrassieren: frz. Fremdwort, das toll klingt, aber nur eine hohle Geste bedeutet
Chiasmus Herz – Liebe – Liebe – Herz deutet die Verlogenheit dieser Gefühle an
Wiederholung von „Auf die Berge will ich steigen“ zur Bekräftigung der Absicht, die Gesellschaft in den Städten zurückzulassen
Auf den Bergen weht Freiheit: Farben, Luft, heiliger Ort (fromme Hütten)
Anapher „wo die...“ zur Betonung des locus amoenus: paradiesischer Ort
Wiederholung von glatt: Haltlosigkeit, Unmenschlichkeit, Profillosigkeit der Gesellschaft
Heiterkeit der letzten Zeile als ironische Wendung der Gesellschaftskritik
- Interpretation: Wunsch, die steife, verlogene Gesellschaft zu verlassen; mögliche Vorahnung der weiteren Schicksals des Dichters, der Deutschland verlässt; die Harzreise führt den Dichter auf die Berge, wo er frei atmen kann.

ad 2.:

- Moderne, unregelmäßige Form aus vier Strophen zu 1, 4, 6 und 2 Versen ohne Reim oder Metrum.
- Variierte Wiederholung der Aufforderung „Betrachtet die Fingerspitzen“: Eindringliche Mahnung
Verfärben: „Dreck an den Fingern haben“, Fingerspitzengefühl, Blut, das an den Händenklebt, Totenflecken; die Finger werden erst braun, dann schwarz
Pest als Metapher für den Nationalsozialismus: Bei Kriegsende ausgerottet, aber er kann wiederkommen: durch Werbung (Post), soziale Not (Heringszuteilung), Erziehung (Muttermilch)
Später Geborene (=wir!) kennen die Gefahr nicht, wissen nicht mit ihr umzugehen (junge Neonazis),
Das Entsetzliche ist der Nationalsozialismus, der Tod und Verderben (=Pest) über die Menschen brachte
Erwünschtes Glück wird nicht von langer Dauer sein
„Wehret den Anfängen!“ - Wenn erste Opfer zu beklagen sind, ist der Nationalsozialismus zurück gekehrt (Rassistische Gewalt in unseren Straßen?)
- Interpretation: Warnung vor dem Wiedererstarken ausgerottet geglaubter Gefahren, die sich bereits 1955 andeutete und heute überall spürbar ist

ad 3.:

- Lied aus 5 Strophen á 4 Zeilen, Kreuzreim, je 3 oder 4 Trochäen oder Daktylen, traditionelle Form
- Alliteration „höchste Höhen herum“, „Was – beWegt – warum – wozu“
Neologismen: selbstreimend, vierfüßig, vierzigzehig (=8 Füße!?)
Modernes Fremdwort Who-is-who, moderne Abkürzung Verarmtes/verirrtes
- Interpretation: Höhenflug der Dichtkunst als scheinbar sinnleere Turnübung, kaum verstanden, für verrückt gehalten. Von oben werden die Menschen für Banausen gehalten. Beste Gedichte (Klavierspiel) werden als Ausdruck von Wahnsinn gesehen.
Schönheit der Natur (Loreley) vs. Umweltzerstörung (umgekippter Rhein)
Hinweis auf reale Lebensgefahr (Umwelt, Hein) und Gefahr des Absturzes gedanklicher Höhenflüge der Dichter (Heine, Rühmkorf)