Schulaufgabe am 29.04.2003: Die zwei Gesellen

(Interpretation)

Aufgabe:

Interpretieren Sie das Gedicht Die zwei Gesellen (erschienen 1818) von Joseph von Eichendorff! Halten Sie sich dabei an die im Unterricht besprochene und geübte Form der Gedichtinterpretation. Die Arbeitszeit beträgt 135 Minuten (10:25-12:40 Uhr). Viel Erfolg!

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüst'ge Gesellen
Zum ersten Mal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorüber gingen,
Dem lachten Sinnen und Herz. -

Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft' Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
Die tausend Stimmen im Grund,
Verlockend' Sirenen, und zogen
Ihn in der buhlenden Wogen
Farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht' vom Schlunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein das lag im Grunde,
So still war's rings in die Runde,
Und über die Wasser weht's kalt.

Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen -
Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!

[Eichendorff: Gedichte [Ausgabe 1841], S. 92 ff. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 22289 (vgl. Eichendorff-W Bd. 1, S. 90 ff.)]

Erwartungshorizont zur Schulaufgabe im GK d am 29.04.03

Die Schüler sollten eine Gliederung und eine Ausführung zum gestellten Thema abliefern.

Mustergliederung:

A. Romantische Lebensentwürfe
B. Eichendorffs Lied Die zwei Gesellen

  1. Zwei Menschen – zwei Schicksale
  2. Ein Lied in sechs Strophen
  3. Romantische Motive
  4. Sprache und Stil
  5. Interpretierender Vergleich mit der Biographie Eichendorffs
C. Die zwei Gesellen – Brüder des Taugenichts?

Zur Ausführung

In der Einleitung könnte auf das romantische Motiv des Fernwehs, der Sehnsucht, der Wanderung eingegangen werden, die als Bild für das Leben überhaupt gelten.

In der Inhaltsangabe müssten die zwei Schicksale der Gesellen nebeneinander dargestellt werden: Der eine verliert sich in der eigenen Familie (Str. 3), der andere im Sinnenrausch, bis er allein ist (Str. 4+5). Beide waren voller Hoffnung und Tatendrang losgezogen und wurden enttäuscht. Das lyrische Ich (Str. 6) wird dadurch traurig und vertraut sich Gottes Führung an.

Das Lied besteht aus 6 Strophen zu je 5 Zeilen mit dem Reimschema ababba. Der Daktylus beherrscht den tänzelnden Rhythmus. Die Verben klingen und singen und die Erwähnung der Sirenen deuten auf die Liedhaftigkeit hin, die typisch für den romantischen Stil dieser Zeit ist.

Romantische Motive sind der Aufbruch in die weite Welt, in dem sich Sehnsucht, Fernweh und Hoffnung auf große Taten spiegeln. Dem korrespondieren der Frühling als Jahreszeit des Aufbruchs und das Bild vom Meer (Wellen, Schifflein) als unendliche Möglichkeit. Sehen (Haus, Hof, Str. 6), Fühlen (Frühling) und Hören (singen und klingen) deuten die Vermischung verschiedener Sinne an. Die Synästhesie „Farbig klingend“ (Z. 21) fällt auf. Der Aufbruch kommt jedoch in der Realität zum Stillstand: In Str. 3 wird aus dem Heim aufs Feld hinausgeschaut, in Str. 5 wirkt die Runde kalt und still.

Die Sprache ist nur scheinbar einfach. Die Inversion (Z. 2) und die Auslassung unbetonter Silben (Z. 2, 9, 13) sollen volkstümlich wirken. Jedoch sind der Satzbau und die Grammatik anspruchsvoller: Dativkonstruktionen (Z. 10f., 17), vorangestelltes Genitivattribut (Z. 20f.). Der Wortschatz ist heute gelegentlich erklärungsbedürftig (Schwieger, Z. 13: Schwiegereltern; heimlich, Z. 15: heimelig, nicht verborgen!, buhlend, Z. 20: erotisch verführerisch).

Eichendorff selbst lebte weder nach dem einen noch nach dem anderen Entwurf. Beruflich unerfüllt, privat eventuell unglücklich, sah er wenig von der großen, weiten Welt. Möglicherweise dankte er mit diesem Gedicht Gottes Fügung und gab sich mit dem zufrieden, was er tatsächlich erreichte. Sehnsüchte führen oft nicht an ein realistisches Ziel (biedere Kleinbürgerfamilie vs. Bohemien)

In Eichendorffs Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts zieht ein Geselle ohne besonderes Ziel hinaus in die Welt und findet nach einigen Verwirrungen doch sein Glück. Die Moral von der Geschicht' könnte sein, dass man seine Ziele nicht zu hoch stecken und sich im Vertrauen auf Gottes Fügung mit dem Erreichten zufrieden geben sollte.