Schulaufgabe vom 13.12.2001
Schulaufgabe vom 10.12.2003


Das „Märchen“ von Rip van Winkle – eine Geschichte im Roman Stiller von Max Frisch

(Literarische Erörterung)

 

Aufgabe:

Interpretieren Sie das „Märchen“ von Rip van Winkle, das in der Taschenbuchausgabe von Frischs Roman Stiller auf den Seiten 71-76 zu finden ist!

Gehen Sie dabei auf die vielfältigen inhaltlichen und formalen Beziehungen ein, die zwischen dieser Geschichte und dem Romanganzen bestehen. Fragen Sie dabei auch nach der Erzähltechnik und der Personencharakteristik der jeweiligen Hauptfiguren! Diskutieren Sie, ob es berechtigt ist, einen literarischen Stoff, der in der Tradition vorgefunden wurde, in einen Roman einzuarbeiten! Frisch hatte den Stoff bei Washington Irving gefunden und zunächst in einem Hörspiel verarbeitet.

Arbeitszeit:

09:20-11:55 Uhr

Viel Erfolg!


Erwartungshorizont zur Schulaufgabe im GK Deutsch am 13.12.2001

Mustergliederung:

  1. Das Problem der Identität in Max Frischs Werk
  2. Interpretation der Geschichte von Rip van Winkle
    1. Ein Einblick in Rip van Winkles Lebensgeschichte
    2. Einordnung des „Märchens“ in den Zusammenhang des Romans
    3. Zur Erzähltechnik Frischs im Roman und besonders im vorliegenden Ausschnitt
    4. Vergleich der Hauptpersonen
      1. Stiller und Rip van Winkle
      2. Julika und Hanne
    5. Die Darstellung der Ehe in Frischs Roman
    6. Rip van Winkle - eine Parabel auf Anatol Stiller
    7. Der Roman als Aufnahmelager für andere Gattungen
  3. „Stiller“ als Roman des modernen Menschen

 

Beobachtungen:

Zu Beginn der Interpretation sollte eine Inhaltsangabe des „Märchens“ stehen.

Namen sollten vergleichbar verwendet werden: Stiller – Rip?

Textgattung der Geschichte von Rip van Winkle: eine Parabel!

Beim Textvergleich sollten auch Unterschiede dargestellt werden (Freiwilligkeit der „verlorenen Jahre“, Wunsch nach neuer Identität?).

Zitate müssen mit dem eigenen Text eine grammatische Einheit bilden (keine in Klammern nachgestellten Sätze).

In der Angabe verlangte Beobachtungen gehören in den Hauptteil der Arbeit.

Ungenaue und umgangssprachliche Formulierungen, die mehrfach auffielen:

Die undefinierte Konjunktion „somit“ ist meist zu streichen.

Der Ausdruck „es geschafft haben“ passt kaum in literarische Zusammenhänge.

Die Formulierungen „Der Autor verwendet ein Stilmittel“ oder „Das macht das Verständnis dem Leser leichter“ wirken naiv.


Die Isidor-Geschichte in Max Frischs Roman Stiller

(Interpretation)

Interpretieren Sie den vorliegenden Auszug aus Max Frischs Roman Stiller (S. 41-45)! Gehen Sie dabei besonders auf die vielfältigen Bezüge dieser "Isidor-Geschichte" zum Romanganzen, zu Frischs eigener Welt und zu anderen literarischen, motivverwandten Texten ein. Fassen Sie Ihre Beobachtungen zu Sprache und Stil, zur Weltsicht und Philosophie zu einer kurzen Interpretation zusammen, die auch das Romanganze im Blick hat!

Musteraufsatz zur Schulaufgabe im GK Deutsch am 10.12.2003

Gliederung:

A. Max Frischs Stiller, ein moderner Roman

B. Interpretation der Isidor-Geschichte in Stiller, S. 41-45

1. Der Aufstand Isidors

2. Die Geschichte als indirekter Appell an Stillers Ehefrau Julika

3. Charakteristik der Figuren

a) Stiller und Isidor

b) Julika und Isidors Frau

4. Erzähltechniken und sprahliche Auffälligkeiten als Hilfsmittel zum besseren Verständnis

5. Die Bildnisproblematik, ein wichtiges Motiv in dem Roman Stiller

C. Eheprobleme und Gewalt als Folge mangelnder Kommunikation

Ausführung:

Nachdem der zweite Weltkrieg 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans beendet worden war, veränderte die Welt ihr Gesicht. Aufgrund der angespannten politischen Situation – der Eiserne Vorhang zog sich quer durch Europa – trauten sich viele Schriftsteller erst nach Jahren wieder, ihrer Tätigkeit ungehemmt nachzugehen. Max Frisch hingegen, ein Schweizer Autor, setzte sich trotz der damaligen Lage ungebrochen mit den Themen und Formen kultureller Moderne auseinander. Sein Meisterwerk Stiller, das von der Flucht vor der eigenen Vergangenheit und aufgenötigten Identität des gleichnamigen Hauptdarstellers handelt, ist keine klassische, traditionelle Erzählung mit einer klar überschaubaren Struktur, sondern ein moderner Roman, der mit der Erfahrung des Schriftstellers entsteht, dass die Welt nicht ohne weitere objektiv dargestellt werden kann, da die Wirklichkeit zu unübersichtlich und komplex ist. Stiller ist nicht chronologisch aufgebaut und besitzt darüber hinaus einen offenen Anfang und Schluss. „Ich bin nicht Stiller!“ Mit dem ersten Satz des Romans befindet man sich sofort mitten in der Geschichte und ebenso lässt das Ende das weitere Schicksal der Hauptfigur offen. Der Leser soll selbst beurteilen. Außerdem verwendet der Autor einen personalen Erzählstil, der den Leser direkt ins Geschehen führt. Max Frisch hat also nicht nur einen Gesellschafts-, einen Liebes-, einen Freundschafts- und Glaubensroman geschrieben, sondern gleichzeitig auch einen Kriminalroman. Auch der zu bearbeitende Textauszug (S. 41-45) gibt dem Leser Informationen über Beziehungen und deren Probleme. Im Folgenden soll er näher untersucht und anschließend interpretiert werden.

Die vorliegende Textstelle handelt von einem Apotheker namens Isidor, der glücklich verheiratet ist und Kinder hat (Z. 2ff.). Sein Leben läuft in geregelten Bahnen, das einzige Manko für ihn sind die ständigen Fragen seiner Ehefrau (Z. 6f.). Bei einer Reise nach Spanien (Z. 11) werden er und seine Gattin unglücklicherweise getrennt (Z. 28-30). Isidor selbst findet sich „auf einem ziemlich dreckigen Frachter“ (Z. 29) wieder und kommt schließlich in die Fremdenlegion, „wo Isidor zum Mann erzogen“ (Z. 38) wird. Nach sieben Jahren (Z. 48) kehrt er wieder in seine Heimat, in sein ursprüngliches Leben zurück, erkennt aber dort nach einiger Zeit der peinlichen Stille, dass sich nichts an der Beziehung zu seiner Frau geändert hat (Z. 64-80). Voller Wut entfernt sich der Hauptdarsteller daraufhin von seinem Haus, kommt aber nach einem Jahr noch einmal wieder und startet einen zweiten Versuch (Z. 99-109): „Und in der Tat [...] kam Isidor nach einem Jahr zurück“ (Z. 119). Doch seine Frau beharrt auf ihrem Standpunkt, behandelt ihren Ehemann wie früher und vergrault ihn schließlich immer (Z. 124-140).

Die Geschichte von Isidor erzählt Stiller ausschließlich seiner Frau Julika. In den sieben Jahren, in denen er verschollen war, entwickelte sich der Künstler weiter. Er legte viele schlechte Muster ab und hatte nur noch das Bedürfnis, seine für ihn schlechte Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch bei seiner Rückkehr versucht sein gesamtes Umfeld, ihn wieder ins bekannte Schema zu pressen. Seine Veränderung wird nicht wahrgenommen. Auch seine Ehefrau Julika will nicht akzeptieren, dass er jetzt White ist. Um ihr seine entscheidende Entwicklung näher zu bringen, er selbst sagt ja, dass es keine Sprache für die Wirklichkeit gebe und dass er nicht objektiv über sein Leben schreiben könne, gebraucht er Geschichten mit Parabelcharakter. So erzählt er Julika den Werdegang und die damit verbundenen Probleme von Isidor und weist dadurch auf die eigene Beziehung hin, die genauso unter Sprachlosigkeit (Z. 12, 18) und Wiederholung (Z. 6f., 64f., 85 und 125) leidet. Der Name Stiller spricht für sich, denn er und Julika lassen ihrem Ärger genauso wenig Luft wie Isidor und seine Frau. Wie Isidor hat auch Stiller keinen Erfolg. Julika beharrt auf ihrem Standpunkt, sie will nichts von einer Veränderung wissen. Betrachtet man die Textstelle im Zusammenhang, so müssen zwei Punkte beachtet werden. Zum einen versucht Stiller, nicht zum letzten Mal, wenigstens seine Ehefrau von seiner neuen Identität zu überzeugen, zum anderen bekommt hier der Leser wichtige Informationen über Stiller und dessen Beziehung.

Vergleicht man Isidor und Stiller, erkennt man sehr schnell vom Erzähler gewollte Gemeinsamkeiten, aber auch interessante Unterschiede. Beide Figuren durchleben einen Reifeprozess: Isidor entwickelt sich in der Fremdenlegion weiter, Stiller in den Vereinigten Staaten, dem Land der unbegrenzten Freiheit. Beide haben eine schöne Frau, leiden aber unter der Beziehung. Sowohl Isidor als auch Stiller beziehen alles auf sich selbst und fühlen sich von der Umwelt genötigt eine Rolle zu spielen. Beide wollen aber ihrer Vergangenheit entfliehen und mit dem neuen Ich große Anerkennung erlangen. Man kann aber auch Unterschiede erkennen, die von Stiller, dem Erzähler, auch so gewollt sind. So ist Isidor Vater und im Beruf erfolgreich (Z. 4f.) und damit genau das Gegenteil von Stiller, der eher auf Kosten anderer leben muss. Außerdem absolviert die Hauptfigur der Parabel die Fremdenlegion mit Leichtigkeit, Stiller dagegen versagte gleich bei seinem ersten Einsatz, der gleichzeitig seiner Meinung nach Schuld an der ganzen Misere ist. Isidor steht völlig seinen Mann, da er zum einen nur aus „pure[r] Anständigkeit“ (Z. 43) nach Hause kommt und zum anderen, da er bei seiner Familie hart durchgreift (Z. 99f.) und auch ohne sie sein Leben fristen kann. Anatol hingegen ist einer ein Weichling , was seinen Ursprung bei der Polin Anja hat, der nicht allein sein kann und irgendeinen Beziehung braucht, sie sie auch noch so krampf- und krankhaft. Er verkürzt sogar die Geschichte und lässt so den harten Appell lediglich zu einer kleinen Warnung werden. Betrachtet man die erarbeiteten Ergebnisse, so kommt einem schnell der Gedanke, dass die Unterschiede teilweise deshalb so gravierend sind, da Stiller gern wie Isidor sein würde, wie sein Kinderwunsch zeigt, er ist und bleibt aber Stiller.

Julika und Isidors Frau haben auch viele auffällige Gemeinsamkeiten. Beide gebrauchen andauernd die Wiederholung und akzeptieren keine Veränderungen ihrer Ehemänner. Sie haben ein festes Bild. Sie lassen ihrem Frust keine Lust und fühlen sich eigentlich in einer schlechten Beziehung gefangen. Beide haben Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, tragen aber durch ihr Verhalten selbst dazu bei, dass die Ehe zum Scheitern verurteilt bleibt. Sie tragen also passiv zu der schlechten Situation bei, sie nutzen die Schwächen ihrer Ehemänner schamlos aus, um diese an sich zu binden. Dabei ist festzustellen, dass Julika bei weitem mehr Erfolg hat als ihr Gegenüber in der Parabel.

Die Erzählung über Isidor weist viele sprachliche Auffälligkeiten und Erzähltechniken auf, die das Verständnis des Lesers fördern. So betont Stiller Julika gegenüber mit seinen Ausrufen (Z. 1f.), Parenthesen (Z. 48), Klammern (Z. 98) und weiteren Einfügungen des Erzählers (Z. 4f., 9, 21) bestimmte Textpassagen, die eine erhöhte Aufmerksamkeit des Zuhörers bzw. Lesers erfordern. Außerdem baut Stiller durch die Verwendung dieser Techniken eine gewisse Spannung und Dynamik auf, die der Parabel zu Gute kommt. Mit Vergleichen (Z. 17f.), Anaphern (Z. 114f.) und Wortwiederholungen (Z. 21, 24, 80, 83 und 84) beschreibt er zum einen die Landschaft und gibt zum anderen auch Gefühle und Emotionen der Figuren wieder. Helvetische Ausdrücke (Z. 32f.) geben dem aufmerksamen Leser Hinweise auf die wahre Identität Stillers, die ja im Roman noch nicht geklärt ist. Das „dröhnende Tuten“ (Z. 27) steht symbolisch für den entscheidenden Schritt, der Vergangenheit hinter sich zu lassen und neue Erfahrungen zu sammeln. Diese Stilmittel sollen eine höhere Eindringlichkeit auf Julika bewirken, letztendlich muss aber festgestellt werden, dass Stillers Erzählung erfolglos bleibt.

Aus den bisher erarbeiteten Hinweisen geht hervor, dass die Bildnisproblematik ein wichtiges Motiv in der Parabel wie überhaupt im ganzen Roman ist. „Du sollst dir kein Bildnis machen!“ steht schon in den Zehn Geboten, und das zu Recht. Denn mit dem Versuch ein Bildnis von einer Person anzufertigen, nimmt man das Lebendige, das Menschliche weg. Denn ein Bild ist statisch, einmal gemalt, ist es unveränderbar. Solche Masken engen den Menschen ein, sie reduzieren ihn auf Fakten, der Mensch wird zu einem Objekt. Genauso ergeht es Isidor und Stiller. Beide haben von ihrem Umfeld ein bestimmtes Bild bekommen, eine aufgenötigte Identität, und schaffen es nicht, von diesem loszukommen. Jeder Mensch hat mit bestimmten Rollen zu kämpfen, die auferlegt worden sind. Heute ist die Situation schlimmer denn je, als Individuum muss man sich dem Trend der Gesellschaft anpassen, man lebt nur noch aus zweiter Hand (vgl. Illustriertenmotiv, S. 20). Max Frisch hat diese Entwicklung bereits vor über 40 Jahren erkannt. Er weist durch seine Werke wie Stiller, Homo faber oder Mein Name sei Gantenbein darauf hin, wie lieblos es ist, Bilder von anderen Menschen anzufertigen. Denn echte Liebe braucht keine vorgefertigten Rollen, man ist dem Gegenüber aufgeschlossen und freut sich an dessen Entwicklung. Natürlich ist Stiller nicht nur das Opfer der Gesellschaft, sondern er trägt auch aktiv zur Bildnisproblematik bei. Er ist nicht nur Bildhauer von Beruf, sondern er hat auf symbolhafte Art und Weise eine Gipsfigur von seiner Frau hergestellt, er hat also ein bestimmtes Bildnis von seiner Frau. Dass sie daran kaputt gegangen ist, zeigt Max Frisch immer wieder im Roman. Er will nicht Probleme lösen, sondern darauf hinweisen, wie er die Welt versteht und kennen gelernt hat. Der Leser soll selber für sich Lösungsvorschläge und Moralvorstellungen entwickeln.

Ein Thema dieser Geschichte wird auch in der heutigen Zeit immer mehr in den Vordergrund gerückt. Viele Psychologen bemerken, dass Probleme in Ehe und Familie oft dadurch entstehen, dass zu wenig miteinander kommuniziert wird. Stattdessen frisst man, wie Stiller und auch isidor, seinen Ärger in sich hinein. Schon im Kindesalter treten dann die ersten Störungen auf, denn viele Meinungsverschiedenheiten enden in körperlicher Gewalt, da die Kinder, die späteren Ehepartner, nicht mehr lernen, einen Streit oder einen Dissens durch Dialog und Diskussion zu lösen.